Ein ruhiger Kurs mit unruhiger Vorgeschichte
Ethereum notiert an diesem 18. Juli 2026 bei 1.844 US-Dollar und legt innerhalb von 24 Stunden um 1,1 Prozent zu. Auf den ersten Blick wirkt dieser Kurs unauffällig, doch dahinter steckt eine der turbulenteren Phasen, die die zweitgrößte Kryptowährung seit Jahren durchlaufen hat. Der Kurs war vom Januarniveau bei rund 3.400 Dollar bis unter 1.520 Dollar im Juni gefallen, bevor eine Erholung einsetzte, die den Markt bis heute beschäftigt. Das Allzeithoch von 4.946 Dollar aus dem August 2025 liegt trotz der jüngsten Stabilisierung noch immer weit entfernt, mehr als 60 Prozent unterhalb des aktuellen Niveaus.
Die Marktkapitalisierung von Ethereum bewegte sich zuletzt um die 232 Milliarden Dollar, ein Wert, der zeigt, wie sehr sich das Chancen-Risiko-Profil des Netzwerks seit dem Boom des Vorjahres verändert hat. Damit der Kurs das alte Hoch wieder erreicht, müsste er sich von seinem aktuellen Niveau aus mehr als verdoppeln, eine Rechnung, die Analysten bei ihren Prognosen für die zweite Jahreshälfte 2026 explizit berücksichtigen.
Die ETF-Durststrecke und ihr Ende
Wie bei Bitcoin hatten auch die Ethereum-ETFs im Juni eine schwierige Phase durchlaufen. Spot-ETH-ETFs verloren allein im Juni 529 Millionen Dollar an Nettoabflüssen, was die längste Negativserie seit dem Start der Produkte darstellte. Erst in der Woche bis zum 11. Juli drehten die Zuflüsse erstmals wieder ins Positive und brachten 84,42 Millionen Dollar frisches Kapital in die Fonds. Damit endete eine Abflussserie, die parallel zur Bitcoin-ETF-Krise verlief und die Frage aufwarf, ob institutionelle Anleger insgesamt das Vertrauen in Krypto-ETF-Strukturen verloren hatten.
Bereits in der Woche zuvor hatte sich eine erste Rotation angedeutet. ETH-ETFs zogen fünf Tage in Folge Kapital an, während am selben Tag 84,9 Millionen Dollar aus den Bitcoin-ETFs abflossen. Diese Rotation von Bitcoin zu Ethereum wurde von Analysten als Signal für wachsendes Vertrauen in ETH gedeutet, auch wenn sich dieses Muster in den folgenden Wochen nicht durchgehend bestätigte. Der Crypto Fear and Greed Index war im Juni auf ein Tief von 15 gefallen und kletterte in der Folge auf Werte um 27, ein Anstieg, der zwar eine leichte Entspannung, aber noch keine grundsätzliche Trendwende in der Marktstimmung signalisiert.
Technische Signale: Double Bottom und neutrale Indikatoren
Aus charttechnischer Sicht bildete Ethereum auf dem Tageschart ein Double-Bottom-Muster, ein Formation, die üblicherweise als Vorbote einer Trendwende gilt. Der 50-Tage-Durchschnitt lag zuletzt bei rund 1.708 Dollar, der 200-Tage-Durchschnitt bei 1.693 Dollar, während der Relative-Stärke-Index bei Werten um 62 neutrale bis leicht positive Bedingungen anzeigte. Die Futures-Open-Interest für Ethereum kletterte in diesem Zeitraum auf über 25 Milliarden Dollar, was auf ein wachsendes Interesse institutioneller Handelsteilnehmer an gehebelten Positionen hindeutet.
Für den aktuellen Kurs von 1.844 Dollar bedeutet dies, dass Ethereum sich sowohl über dem kurzfristigen als auch über dem langfristigen gleitenden Durchschnitt bewegt, ein Umstand, der in der technischen Analyse üblicherweise als Stabilisierungssignal gewertet wird. Ob sich daraus tatsächlich eine nachhaltige Aufwärtsbewegung entwickelt, hängt jedoch maßgeblich von der weiteren Entwicklung der institutionellen Nachfrage ab.
Ethereum Institutional: Ein neuer Anlaufpunkt für Banken
Eine der wichtigsten strukturellen Neuigkeiten des Monats war der Start von Ethereum Institutional am 1. Juli. Die Organisation, die mit Unterstützung von Mitgründer Joe Lubin ins Leben gerufen wurde, soll als zentrale Anlaufstelle für Banken und Vermögensverwalter dienen, die auf dem Ethereum-Netzwerk aufbauen wollen. Dieser Schritt fällt in eine Zeit, in der traditionelle Finanzinstitute zunehmend nach regulatorisch klaren und technisch stabilen Wegen suchen, um Blockchain-Infrastruktur für Tokenisierung, Abwicklung und Vermögensverwaltung zu nutzen.
Der Zeitpunkt der Gründung ist bemerkenswert, da er mit der Talsohle der ETF-Abflüsse zusammenfällt. Während viele kurzfristig orientierte Anleger in dieser Phase Kapital aus Ethereum-Produkten abzogen, positionierten sich zugleich Akteure aus dem traditionellen Finanzsektor für eine längerfristige Integration des Netzwerks in ihre Infrastruktur. Diese Gleichzeitigkeit von kurzfristiger Kapitalflucht und langfristigem strukturellem Aufbau ist typisch für Übergangsphasen an den Kryptomärkten.
Glamsterdam verschiebt sich – und mit ihm Hoffnungen auf niedrigere Gebühren
Ein weiterer wichtiger Faktor für die Ethereum-Prognose ist das für dieses Jahr geplante Glamsterdam-Upgrade, das offiziell auf das dritte Quartal 2026 verschoben wurde. Das Upgrade gilt als wichtiger Baustein, um die Netzwerkgebühren zu senken und die Skalierbarkeit weiter zu verbessern, zwei Faktoren, die für die langfristige Wettbewerbsfähigkeit von Ethereum gegenüber konkurrierenden Layer-1-Netzwerken als entscheidend gelten. Die Verschiebung bedeutet, dass Marktteilnehmer, die auf kurzfristige technische Impulse aus dem Upgrade gehofft hatten, sich noch mindestens bis in den Herbst gedulden müssen.
Wie Analysten die zweite Jahreshälfte einschätzen
Die Einschätzungen der großen Investmentbanken zur weiteren Entwicklung von Ethereum gehen deutlich auseinander. Standard Chartered senkte sein ETH-Kursziel für das laufende Jahr auf 4.000 Dollar, hält aber an einer langfristigen Prognose von 40.000 Dollar bis zum Jahr 2030 fest. Citi hingegen zeigte sich deutlich zurückhaltender und senkte seine Ethereum-Prognose von 3.175 auf 2.240 Dollar, während die Bank die erwarteten ETF-Zuflüsse für das laufende Jahr sogar auf null kürzte.
Diese Divergenz zwischen einer optimistischen langfristigen Einschätzung bei Standard Chartered und einer deutlich vorsichtigeren kurzfristigen Prognose bei Citi spiegelt die grundsätzliche Unsicherheit wider, die den gesamten Kryptomarkt derzeit prägt. Für Anleger, die Ethereum bei einem aktuellen Kurs von 1.844 Dollar bewerten, bedeutet dies, dass sowohl deutlich pessimistischere als auch deutlich optimistischere Szenarien im Rahmen seriöser Analysen als plausibel gelten.
Fazit: Fundament wird gelegt, während der Kurs konsolidiert
Die Kombination aus wiederkehrenden ETF-Zuflüssen, dem Start von Ethereum Institutional und einer charttechnisch interessanten Double-Bottom-Formation zeichnet ein Bild eines Netzwerks, das gerade dabei ist, sich nach einer schwierigen ersten Jahreshälfte neu zu sortieren. Der aktuelle Kurs von 1.844 Dollar bei einer Gesamtmarktkapitalisierung des Kryptomarktes von 2,27 Billionen Dollar und einer Bitcoin-Dominanz von 56,4 Prozent zeigt, dass Ethereum weiterhin im Schatten von Bitcoin steht, gleichzeitig aber eigene strukturelle Fortschritte macht, die erst mit zeitlicher Verzögerung im Kurs sichtbar werden dürften.
Die Rolle der Layer-2-Netzwerke in der Übergangsphase
Nicht zu vernachlässigen ist in dieser Gesamtbetrachtung die Rolle der Layer-2-Netzwerke, die auf Ethereum aufbauen und einen erheblichen Teil der Transaktionslast aus der Hauptkette herausnehmen. Solange das Glamsterdam-Upgrade auf sich warten lässt, bleibt die Auslagerung von Aktivität auf solche Netzwerke der wichtigste Hebel, um Gebühren für Endnutzer niedrig zu halten. Für institutionelle Anleger, die über Ethereum Institutional an das Netzwerk herangeführt werden, dürfte die Entwicklung dieser Layer-2-Landschaft in den kommenden Monaten ein zentrales Beobachtungsfeld bleiben, insbesondere im Hinblick auf Sicherheit, Dezentralisierungsgrad und Liquidität der jeweiligen Netzwerke.